75 Jahre

In einer wirtschaftlich schlechten Zeit verstummten in den 20er-Jahren als Folge des Ersten Weltkrieges die rauschenden Feste und Feiern in Beckum, und die Menschen dachten wehmütig an die beglückenden Rosenmontagszüge der Vorkriegsjahre.

Versuche, große Rosenmontagszüge durchzuführen, scheiterten am Widerstand des Regierungspräsidenten. Da also die Karnevalsfeiern und Rosenmontagszüge in großem Stil nicht erlaubt waren, bot sich mit der Organisation und Durchführung der 700-Jahr-Feier Beckums eine willkommene Gelegenheit, die zehn Notjahre der Kriegs- und Nachkriegszeit zu vergessen.

Diese Feier aus Anlass der Verleihung der Beckumer Stadtrechte fand vom 30. August bis zum 8. September 1924 mit einem großen kulturellen Programm und einem riesigen Umzug unter Mitwirkung der Beckumer Bauknechte mit 37 Gruppen statt.

Dieses Jubiläum war für die "verhinderten Karnevalisten" eine willkommene Gelegenheit, ihre Erfahrung bei der Organisation des kulturellen Programms und der Durchführung des Umzuges unter Beweis zu stellen.

Es war ein Beweis dafür, dass in Beckum die närrische Idee mit ihrer großen Begeisterung nie ruht und dass sie auch nach den vielen Jahren der öffentlichen Enthaltsamkeit mit Riesenschritten schnell wieder Fuß fassen konnte.

Die närrische Gesellschaft "Die Tempelwache" war es, die auf Betreiben des Gewerbevereins am 27. Februar 1933 den ersten kleineren Rosenmontagszug nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Motto "Wir kurbeln an" veranstaltete. Als Vorbereitung für 1934 fuhr vorne auf dem Wagen als Galionsfigur ein kleiner "Kater Rumskedi" zum ersten Mal mit. Auch das Lied von "Kater Rumskedi" (Text Heinrich Dirichs, Musik Anton Arnsberg) mit dem Refrain "Rumskedi, wie ist das Leben schön" erschallte während dieser Karnevalstage.

Auf der Gründungsversammlung der neuen Karnevalsgesellschaft "Na, da wären wir ja wieder" am 13. Januar 1934 im Stammlokal der "Tempelwache", "Vößken Schrulle", war dann alles parat und geklärt, um die Gründungsmitglieder, die schon die Regularien der Vereinsgründung über sich ergehen lassen mussten, nicht vor allzu viele Probleme zu stellen. Der aktive Tempelwächter Ludwig Holtmann ("Louis Holt'm") wurde zum ersten Präsidenten der Gesellschaft gewählt. Sein Stellvertreter wurde Bernhard Steinhoff.

Bereits im Januar 1933 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass später das Jahr 1933 sogar als Gründungsjahr angesehen und auf die Standarte der Gesellschaft gesetzt wurde.

Püttstadt wird zur Hochburg im karnevalistischen Westfalen

Unter der Regie der 1934 gegründeten Dachgesellschaft "Na, da wären wir ja wieder" entwickelte sich die Karnevalstradition in der Stadt Beckum zunächst bis zum Zweiten Weltkrieg bestens weiter. So wurde schon 1936 die Prinzengarde "Rot-Weiß" gegründet, die auch heute noch einen festen Platz in Beckum hat.

 Von 1934 bis 1939 wurden große Rosenmontagszüge durchgeführt. In den Kriegsjahren ruhte das närrische Treiben natürlich auch in der Püttstadt.

Schon 1949 rollte der erste Rosenmontagszug nach dem Krieg durch Beckum, damals veranstaltet vom Gesellenverein, der heutigen Kolpingsfamilie. Seit dem Jahr 1950 zeichnet "Na, da wären wir ja wieder" für die Umzüge verantwortlich, das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert.

Das Fanfarencorps "Weiß-Rot" Beckum wird am Klingeldienstag 1957 ins Leben gerufen. Im Jahr 1965 wurde das Närrische Oberhaus als Vereinigung aller ehemaligen Prinzen und Präsidenten gegründet. An dessen Spitze steht der Lordsiegelbewahrer des Beckumer Karnevals. Hier zeichneten sich Erich Bomke (1965 bis 1976), Hermann Funcke senior (1976 bis 1996) sowie Bernhard Beumer (seit 1996) aus.

Im Januar 1980 spielen erstmals die unter der Regie von Erwin Northoff gegründeten Beckumer Straßenmusikanten in der Püttstadt auf, und das nicht nur im Karneval.

Am 11. November 1987 wird auf der Oststraße das von Karl Heinz Hellmann geschaffene Karnevals-Denkmal aufgestellt. Mit dem Närrischen Hofrat wird schließlich 1999 ein Verein ins Leben gerufen, in dem die ehemaligen Hofmarschälle und weitere verdiente Karnevalisten ein Zuhause finden.

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Beckumer Karnevals ist im Jahr 2000 erreicht. In der Püttstadt findet der erste Weiberkarnevalsumzug statt, der sich zum größten in ganz Westfalen entwickelt hat. Im gleichen Jahr präsentiert Hofsänger Reinhard Habrock seine erste CD mit Beckumer Karnevalsliedern. Die zweite CD folgt übrigens am 11.11.2007. Am 11. November 2003 erscheint die Karnevals-Chronik "Rumskedi in Beckum - Lebensfreude im Narrenspie(ge)l" von Ludger Wößmann.

Im November 2005 kann das Beckumer Karnevalsmuseum im Stadtmuseum eröffnet werden. In diesem Raum des Stadtmuseums am Markt findet man die Geschichte der heimischen Narretei übersichtlich und modern präsentiert.

In den vergangenen 75 Jahren wurden zahlreiche Beckumer Karnevalsgesellschaften gegründet. Heute bestehen 20 Gesellschaften, die die Tradition des Karnevals unter dem Mantel von "Na, da wären wir ja wieder" pflegen und harmonisch und reibungslos den urwüchsigen Karneval in der Püttstadt feiern und repräsentieren.

Kater Rumskedi als Symbolfigur ein Aushängeschild der Narretei

Die Symbolfigur der Beckumer Karnevalisten wurde der buckelnde schwarze Kater Rumskedi, und als Motto wurde der Ausspruch "Rumskedi, dao schitt de Katte in't Häcksel" gewählt. Diese Äußerung stammt von Theodor "Hütchen" Schulte und seinem Freund, dem Bäckermeister Anton Meyer, die sich gelegentlich mit "Rumskedi" begrüßten, wobei stets mit "Dao schitt de Katte in't Häcksel" geantwortet wurde.

Kater Rumskedi war als Symbolfigur des Beckumer Karnevals geboren, er wurde zum umjubelten, viel besungenen und überaus volkstümlichen Symbol.

Für "Jänsken" Duhme, Beckumer Original und Gastwirt, war es eine besondere Ehre, 1934 den ersten großen Rosenmontagszug nach dem Ersten Weltkrieg als Kater verkleidet anzuführen. In diesem Jahr noch ohne eigenen Wagen, ließ die Idee, Kater Rumskedi im Rosenmontagszug mitfahren zu lassen, die Mitglieder der am 8. Februar 1934 gegründeten Gesellschaft "Uns geht die Sonne nicht unter" aktiv werden.

Bevor der erste Katerwagen gebaut werden konnte, wurde ein Modell von Bernhard Steffens, Drechsler und Tierpräparator, geschaffen. Dabei diente das Original, ein lebender Kater im Vogelkäfig - vom zehnjährigen Bruder Willy ("Milon", Prinz Karneval 1962 und 1968) besorgt - als Vorbild. Aus gepresstem Torf wurde der erste Rumskedi-Kater mit einer Größe von 40 Zentimetern modelliert.

In der Scheune von Ludwig Holtmann entstand nun nach diesem Vorbild unter der Regie von Bernhard Steffens der Kater auf dem Karnevalswagen. Um ein Holzgerüst aus Kanthölzern wurde mit dicken Torfplatten - bitumenverklebt, leinenbespannt, mit Holzwolle ausgestopft und geteert - der Kater mit seinem schwungvollen Buckel geformt.

Diese erste Version des "Katers Rumskedi" erfreute von 1935 bis 1939 in den Rosenmontagszügen die Schaulustigen an den Straßenrändern, bis der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges alle weiteren Karnevalsfreuden nicht mehr zuließ. Der Kater überstand nicht die Kriegswirren, denn er segnete in Windmüllers Scheune als Brennmaterial das Zeitliche.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es "Milon" Steffens, der fast in Eigenregie den neuen Kater Rumskedi baute. Unter anderem war auch Paul Kliewe (Prinz Karneval 1989) als Sattler und Polsterer mit an der formgeberischen Arbeit beteiligt. Für seinen ersten Nachkriegsauftritt im Rosenmontagszug 1950 bekam der Kater mittels eines Kardanwellengelenkes einen beweglichen Kopf. Auch der Schwanz konnte durch Seilzüge bewegt werden.

Ein reichhaltiges technisches Innenleben zeichnete diesen neuen Kater aus. Neben einem Wassertank mit Rohrleitungssystem fuhr "Rumskedi", durch eine Pumpe jetzt vorne und hinten wasserspeiend, durch die Straßen der Stadt. Zwei batteriebetriebene Autoscheinwerfer sorgen für den richtigen "Katerblick".

Über 20 Jahre beglückte der Kater so das Narrenvolk, bis er zu Beginn der 1970er-Jahre von der Firma Schwietert mit einer neuen Außenhaut aus Glasfaser und Polyester überzogen wurde.

In die Rolle von "Kater Rumskedi" schlüpften in den folgenden Jahren "Jänsken" Duhme, "Hänsken" Surlemont, Anton Schröder, Olaf Schmiebusch, Andreas Stallmann und Heinz-Josef Dinter, der den Begriff der "Katzenmusik" bis heute in Vollendung darstellt.

Das Beckumer Markenzeichen "Rumskedi" ist heute eines der bekanntesten in der Welt des Karnevals. Seine Formen und seine Zeichen sind unverwechselbar. Gemeinsam drücken sie einen Gefühlswert aus, welcher auf der Emotionalität des Beckumer Karnevals beruht.

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